Die Nicht-Vereinbarkeit

Wenn Texte nichts an ihrer Aktualität verlieren …

 Ich habe schon immer geschrieben, wenn mir was auf der Seele brannte, es aber nie veröffentlicht. Einer meiner Lieblingstexte ist mein Tagebuch, dass ich 2011 während des Aufenthaltes bei einer  Mutter-Kind-Kur geschrieben habe. In diesem Text gibt es einen fiktiv geführten Dialog zum Thema Vereinbarkeit Familie & Beruf. Mein Sohn war damals 8 Jahre alt. Ich finde der Text passt immer noch prima. Manches würde ich heute vielleicht noch drastischer schreiben. Aber lest selbst.

20.11.2011 // Mutter-Kind-Kur auf Büsum

Ich lerne eine andere Frau kennen, die mich und Sabine anspricht, als sie hört wie wir uns über unsere Jobs und unsere aktuelle Situation unterhalten. Sabine hatte ebenfalls eine Leitungsfunktion. Das Wort „hatte“ spielt auch bei Sabine eine wichtige Rolle. Die andere Frau möchte über Kinder und Karriere sprechen. Vor allem über Karriere. Ich bemerke wie groß mein Abstand zu ihr schon ist, da ich eines weiß: entweder ich habe einen Partner der mich voll und ganz in meiner Karriere unterstützt und dafür seine eigene komplett auf Eis legt (hat sie nicht), oder ich organisiere mein Umfeld entsprechend (hat sie auch nicht). Nachdem sie merkt, dass Sabine und ich zu Verzicht auf Leitungsfunktionen und weniger Arbeit tendieren, ist sie auf einmal verschwunden, als Sabine und ich uns kurz um unsere Kinder kümmern.

Ich mache mir weiter Gedanken und schreibe hier nun auf, wie sich das Gespräch möglicherweise entwickelt hätte. Wir befinden uns schon mitten in der Diskussion, ob und inwiefern Familie und Beruf zu vereinbaren sind.

Ich sage gerade: „Also vergiss deinen Bereichsleiterjob für die nächsten Jahre oder verändere dich oder dein Umfeld. Ich sehe im Moment dafür drei Varianten:

Variante 1: Verlass deinen Mann und drück ihm deine Kinder auf’s Auge. Dann zahlst du jeden Monat einen Betrag x von deinem Gehalt an deinen (Ex?)-Mann und deine Kinder. Du kannst dir dann einen jüngeren Mann suchen, der deinen beruflichen und privaten Bedürfnissen und Interessen entspricht und (noch) keinen Kinderwunsch hat (notfalls auch einen, der vielleicht auch schon an seine Ex-Familie zahlt). Versuch nicht mehr an deine Kinder zu denken (die du am Wochenende ja ab und zu weiterhin sehen kannst). Diese werden sich ebenfalls bald in einer neuen Patchwork-Familie sicherlich wohl fühlen. Dieses Variante ist von vielen Männern erprobt, vor allem dann, wenn ihre Frauen ihrer eigenen persönlichen Entwicklung (vorangetrieben durch von der Firma bezahlten Coachings und „Chaka-ich-bin-der-Beste-Schönste-Schnellste“-Trainings) hinterherhinken (da sie mehr Zeit mit „Schöner wohnen“, „Mein Chefkoch.de“ und Kindererziehung verbracht hat). Vielleicht ist das ja auch bei dir und deinem Mann bereits der Fall?

Variante 2: Du machst für die nächsten Jahre einen Job, der dich nicht erfüllt aber dafür sorgt, dass du nicht den Anschluss verlierst, da du weiterhin in deiner bisherigen Firma arbeitest. Dann kannst du wieder durchstarten. Deine jüngeren männlichen Kollegen haben dich leider zwischenzeitlich überholt. Das ist etwas deprimierend für dich, mit etwas Glück schaffst du es aber, diese Leere und Unzufriedenheit nicht mit nach Hause zu nehmen und auf deine Familie zu projizieren. Die meisten Unternehmen sind ganz gut darin, Müttern die nach der Elternzeit zurückkommen möchten, entsprechende „passende“ Stellen anzubieten.

Variante 3: Du setzt durch, dass der Bereichsleiterjob auch mit einer 4-Tage Woche machbar ist. Alles was über dich geredet wird, weil du pünktlich um 16:00 Uhr das Gebäude verlässt, perlt an dir ab, ebenso Sticheleien und blöde Bemerkungen von deinen Kollegen im Sinne von „Na? Halben Tag Urlaub heute?“. Du nimmst deine Position als das was es ist, eine Position mit viel Verantwortung und der Fähigkeit zu delegieren. Du hast kein schlechtes Gewissen, wenn deine Mitarbeiter noch arbeiten, während du bereits bei deinen Kindern bist. Du hast dir diese Position durch Kompetenz erarbeitet. Du stehst auch für Fragen abends nicht mehr telefonisch oder per Mail zur Verfügung, da dir zuhause dein Mann und deine Kinder wichtiger sind. Termine werden selbstverständlich so gelegt, dass sie für dich kein Problem darstellen. In dieser Zeit solltest du ein besonderes Augenmerk auf nachrückende, weibliche, kinderlose Konkurrentinnen werfen. Frauensolidarität wird in den oberen Führungsebenen in der Regel kleingeschrieben. Sobald sie Lücken in deiner fachlichen oder Führungs-Kompetenz entdecken, werden sie gnadenlos reingrätschen und versuchen dich auszuhebeln.

Eins noch, kommt keine der oben genannten Varianten für dich in Frage wird es vermutlich so weitergehen: Du ziehst dein Ding beruflich und privat durch. Dadurch wirst du dauerhaft und über einen längeren Zeitraum an deine Grenzen stoßen. Die Auswirkungen die es haben wird kann ich dir noch nicht sagen, möglicherweise verlässt dich dein Mann, oder deine Kinder zahlen dir vielleicht spätestens in der Pupertät alles zurück, eventuell wehrt sich aber auch dein Körper mit körperlichen oder geistigen Gebrechen gegen den Dauerstreß und setzt dich einfach für längere Zeit außer Gefecht.“

Hier endet mein Dialog. Ich bin 45, arbeite seit insgesamt 25 Jahren, davon 15 Jahre in verschiedenen Führungspositionen. Ich habe mich immer für Frauen in Führungspositionen interessiert und viele davon lange Jahre begleitet und beobachtet. Ebenso das familiäre und berufliche Umfeld in dem sie sich bewegt haben.

30.06.2017 // Nach 5 Jahren

Was ich noch ergänzen möchte:

Die Versuchung war groß diesen Text weiterzuentwickeln. Ich habe mich aber bewußt dagegen entschieden. Was ich heute anders schreiben würde ist das Thema „Unterhaltszahlung“. Bekomme ich doch von vielen mit, dass Mann sich davor einfacher drücken kann als gedacht. Insofern würde ich das mit aufnehmen.

Weiter möchte ich noch auf das Thema Entwicklung von Frauen die zuhause bleiben während die Männer Karriere machen eingehen: Ich habe tolle Frauen kennengelernt die dieses Modell fahren. Wenn sie jetzt noch so cool sind für sich zu Sorgen, falls es zur Trennung kommt (indem sie bspw. durch einen Ehevertrag entsprechende Regelungen getroffen haben), super.  Meine Akzeptanz und Toleranz gegenüber den unterschiedlichsten Lebensentwürfen ist hier viel größer geworden.

Zum Thema Mutterschutz + Rückkehr auf bisherige Positionen, Teilzeit, Homeoffice … fällt mir eigentlich gar nichts mehr ein. Es gibt immer noch zuviele Unternehmen, die dies nicht ermöglichen und Teilzeit-Karrieren ausschließen. Und dabei ist es völlig egal, was in ihren Hochglanzbroschüren erzählt wird. Ich habe so viele Geschichten erzählt bekommen, in denen Frauen unglaubliches berichtet haben, wie ihre bisherigen Jobs  an andere vergeben wurden und ihnen Angebote unterbreitet wurden, die nahelegen das eine Rückkehr nie geplant war.

Ach, wenn ich so darüber nachdenke: es gibt noch sooo viel zu bloggen. Ich habe soviel erlebt in den letzten Berufsjahren. Mit Betreuungseinrichtungen, Ganztagesbetreuung, anderen Müttern und Vätern, anderen Kolleg:inn:en, etc..  Mal schauen was mir als nächstes unter den Nägeln brennt.

Soviel für heute, es grüßt euch

Gabriele 

PS:

Eins noch: Ich habe auch viele solidarischen Frauen kennengelernt. Vorallem in den kleinen Unternehmen. Vorallem wenn sie ebenfalls Kinder hatten, vorallem wenn sie ebenfalls nicht einfach nur den kleinen Sachbearbeiter Job machen wollten, sondern was erreichen.

Buntes Korianderkraut

Korianderkraut

Ich steige in die Straßenbahn ein. Mir gegenüber sitzt eine Frau meines Alters. Sie sieht sehr schön aus und ist sehr selbstbewußt. Ich beobachte sie. Sie telefoniert kurz – und dann … ich weiß fast alles über sie. Ich bin ausgesprochen mutig und spreche sie an – all meine Annahmen über sie, werden schnell bestätigt. Wir haben beide wundervolle Söhne im fast gleichen Alter. Unsere Prinzen. Unsere Sterne. Lass uns bitte nichts falsch machen. So einfach, kurz mal alle Freude und Ängste ausgetauscht, bei einer Fahrt 8,06 Minuten lang. Egal ob reich oder arm. So sollten wir sein, wir Menschen.

Ich gehe zum Cafe Hummel. Hier treffe ich mich mit Petra Perlenfein zu einem Abschlußgespräch. Ich wollte es so. Mein Coaching bei ihr ist nun beendet. Wer bin ich? Und warum brauchte ich ein Coaching?

Ich bin 50+ und seit 20 Jahren im Online-Business unterwegs. Teamleiterin, Geschäftsführerin, Projektleiterin, ich bin Scrum-Master aber ebenso Master of disaster (fragt mich einfach – ich kenne für fast alles Lösungen) und interessiere mich für alles neue wie VR/AR (Virtuell und Augmented Reality, Holacracy, Design Thinking und vieles mehr) und ich bin Mutter*.

Aber auch: schon immer lernbegierig, rastlos und … bunt.

Ich bin bunt. Und ich bin mir sicher, dass Petra Perlenfein es sofort gesehen hat. Frau Perlenfein würde sicherlich einen anderen Begriff dafür verwenden und wir haben auch nie darüber gesprochen, es ist also eine mutige Annahme von meiner Seite. Als ich das erste Mal den Begriff „bunt“ in Zusammenhang mit mir gehört habe, fand ich das noch ein bißchen komisch. Der Bekannte einer Freundin hatte sie auf mich angesprochen und ihr gesagt, dass ich ein bunter Mensch sei. Bis dahin kannte er mich nur vom Sehen. Seitdem, treffen wir uns immer wieder und kommen in promillesekundenkurzezeitwahnsinnskurzezeit dazu uns über unser „Befinden“ auszutauschen. Hammer. Ok, ich bin ein bunter Mensch (und ich bin es JETZT wieder gerne) und er ist vielleicht Synästhetiker … .

Ganz anders, vor meinem Coaching. Damals war mein Bedürfnis: Ich wollte am liebsten grau sein. Unauffälliger. Irgendwie angepasster und irgendwie weniger so sein wie Korianderkraut.

Kennst du das? Es gibt NIEMANDEN auf der Welt, der Korianderkraut einfach nur so ißt. Entweder liebt man es, oder man verabscheut es. Keinem ist es gleichgültig. So bin ich. Man mag mich oder man mag mich eben nicht. Warum erzähle ich das? Ich glaube, das muss man über mich wissen, um den Rest zu verstehen.

Diese Erfahrung und Erkenntnis, daß jemand nicht mit mir kann, musste ich in einem großen Unternehmen machen. Hier traf ich auf jemanden, der in mir ein Problem sah (bzw. keinen Koriander mochte) und der dieses Problem lösen wollte. Meine Verletzung, Enttäuschung und Wut war riesengroß. Verunsicherung und Lähmung kamen schnell hinzu. Neben mir traf es aber auch noch eine andere Kollegin. Wir versuchten uns untereinander so gut zu stützen wie es nur möglich war. Eins kam auf’s andere und so verließ ich (nach k – -u- – r- -z- -e- -m Kampf) das Unternehmen und das war so ziemlich genau vor einem Jahr. Ich wollte damals nur noch grau sein und habe mich aus diesem Grund für ein Coaching entschieden.

Und jetzt? Was ist seit dem passiert? Also genau vor einem Jahr begann die Arbeit mit meinem Coach: Petra Perlenfein.

Seitdem habe ich mit ihr eine Vision meiner Zukunft entwickelt und die Umsetzung in die Realität vorangetrieben. Auch hier ohne Abstimmung mit ihr: ich glaube sie fand mein bunt sein überaus OK. Aus einem Coaching für „wie bekomme ich eine über 50jährige (und somit eh schon schwer vermittelbare) Frau wieder in den Arbeitsmarkt“ wurde schnell ein „Sie passen ja in gar kein Unternehmen!“. Was für manch anderen vielleicht einen Schock dargestellt hätte, las sich für mich wie ein bekanntes, bereits gelesenes Buch. Und so konnte ich mich darauf einlassen, an eine Zukunft zu denken die mir all das bietet, wovon ich schon immer träumte: Freiheit und Selbstbestimmung.

Ich arbeite nun als Freelancer für Agenturen, setze aber auch eigene Projekte um. Derzeit arbeite ich hauptsächlich für 2 Agenturen: 2 x angefragt, 2 x gebucht und heute schon wieder von einer weiteren Agentur angefragt! Ich werde aber weitere akquirieren und möchte auch unbedingt eigene Projekte umsetzen. So plane ich derzeit gemeinsam mit einer Netzwerk-Kollegin ein spannendes Projekt. Fest steht aber: Ihr könnt mich buchen.

Ich kann weiterhin jeden verstehen, der eine feste Anstellung bevorzugt. Doch was ist heutzutage schon noch eine feste Anstellung? Die Lebensläufe mit jahrzehntelanger Beschäftigung gehören nun wirklich zur Arbeitswelt von gestern. Alle müssen sich immer auf Veränderung einstellen. Täglich. Immer.

Auch ist es mir sicherlich leichter gefallen diesen Schritt zu gehen, da ich auf alle Fälle für mein restliches Berufsleben Erfahrungen wie diese, die ich im letzten Unternehmen machen musste, unbedingt in Zukunft VERMEIDEN möchte. Mein Bedarf daran ist gedeckt. Und auch hier habe ich stärkenden Rückhalt durch meinen Coach erfahren. Nicht im Sinne von „mit Ihnen kann man halt nicht arbeiten“ sondern „Sie stehen zu Ihren Prinzipien“ und „das konnte ja nicht klappen“. Gibt es den Begriff „systemische Verschiebung“ ? Wenn ja, würde es gut dazu passen.

Aber das wichtigste was mir vermittelt wurde: Es ist völlig in Ordnung bunt zu sein. Ich bin jetzt viel unterwegs, zuletzt auf der re:publica im Berlin, bilde meine Netzwerke und liebe die Menschen um mich rum und mit denen ich arbeiten darf. Ich lerne fast jeden Tag Neues, sei es beruflich oder aber auch für mich persönlich. Ich kann all mein gelerntes direkt zum Einsatz bringen, aber auch meine Persönlichkeit so leben, wie ich nun mal bin. Ich werde angefragt. Z.B. für ein Podcast-Interview um über mich zu erzählen. Hört-hört. Demnächst bin ich in der Pfalz auf einem Netzwerktreffen. Lauter starke Frauen. Ich freu mich so darauf!

Auf die Frage, „wo sehen Sie sich in einem Jahr“ antwortete ich damals zu Beginn des Coachings: „Ich sitze mit einem Apple Notebook in einem Loft-ähnlichen Gebäude und arbeite an verschiedenen Projekten.“

Und was soll ich sagen? Ratet wo ich gerade sitze? Und auf was ich diesen Text verfasse? Genau. Richtig geraten. Soll ich ein Selfie von mir schicken?

Das Coaching, hat mir auf angenehme aber auch zielführende Art und Weise den Weg aufgezeigt, den ich gehen musste. Schnell, klar und mit allen Konsequenzen die damit verbunden sind. Mit jemanden die eigenen Gedanken zu reflektieren und weiter auszuführen kann so unglaublich kostbar sein.

Es hätte nicht besser für mich kommen können. Ich habe bisher keine Sekunde bereut, diesen Schritt gegangen zu sein. Petra Perlenfein war für mich der richtige Coach. Ich habe großes Glück gehabt an sie geraten zu sein.

Mein Abschlußgespräch ist beendet. Petra Perlenfein freut sich riesig mit mir, dass alles so gut geklappt hat und das es mir so gut geht. Sie hat mich auch schon anders gesehen.

Ich stehe an der Straßenbahnhaltestelle, halte mein Gesicht in die Sonne und winke nochmals der Frau zu, mit der ich mich auf der Herfahrt in der Straßenbahn so nett unterhalten habe: Sie ist jetzt mit ihrem Sohn unterwegs, gegenüber auf der anderen Straßenseite. Sie sieht mich und zeigt stolz auf ihren Sohn. Ich lache und halte meinen Daumen nach oben.

LIKE.

Es grüßt euch

Gabriele

Wenn ihr mehr über meinen Coach erfahren wollt, hier geht es zu ihrer Website: http://www.perlenfein-karriereakademie.de/

*Mutter = ist mir in diesem Zusammenhang wichtig, da wenig Frauen dieses Programm (immer Vollzeit berufstätig) mit allen Konsequenzen durchziehen.