Die Momentaufnahme

Ein Podcast Interview und was es mit mir machte.

Wie fange ich an? Wo starte ich? Wie beginne ich eine Geschichte, die für mich und mein Leben eine so unglaubliche Kehrtwende und Veränderung herbeigeführt hat? Wo so viele, viele Faktoren und auch Zufälle und Entscheidungen dazu beigetragen haben? Keine einfachen Entscheidungen, die ich hier und jetzt zu fällen habe.

Fangen wir damit an: Vor drei Wochen wurde ich von Julia Meder und Sarah Schäfer vom Eigenstimmig-Podcast interviewt. Das Interview ist nun seit zwei Wochen online, und ohne mich nun als besonders selbstverliebt darstellen zu wollen: ich habe es mir ein paar Mal angehört. Seine eigene Stimme mal abseits vom Anrufbeantworter zu hören, ist schon etwas eigenartig.

Es ist sehr sonderbar, ein Interview zu führen, bei dem man vorher nicht weiß, was man erzählen wird, wie man sich selbst darstellt und welche Ziele oder Ideen man mitgeben möchte. Ich bin gerade an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich mich gut fühle, eigentlich sehr gut, an dem ich sagen kann, dass ich viel erreicht habe.


Ich fühle mich wohl und genieße den Augenblick. Es ist eine Momentaufnahme meines derzeitigen Lebens.


Und dennoch: höre ich mich im Interview, habe ich das Gefühl in manchen Punkten nicht die Tiefe und die innere Intention zu erreichen, die mich antreibt und die mich dazu gebracht hat heute und hier so zu sein wie ich nun mal bin. Sarah und Julia nennen es authentisch.

Vor kurzem habe ich einen Beitrag zum Thema Einhörner auf meinem Blog veröffentlicht. Im Internet erhältlich ist eine Gegendarstellung oder Aufarbeitung meines Geschriebenen, was sich in etwa so anhört: „Gabriele schreibt „blablabla“. Damit liegt sie falsch. Richtig ist …“
Ich möchte jetzt nicht mein Interview korrigieren oder gesagtes zurücknehmen im Sinne von bei „4 Minuten und 23 Sekunden“ sage ich; „…“ damit meine ich „…“

Nein, nein, daß liegt mir fern. Sehr fern. Was ich nur sagen möchte: Der Weg hierher war nicht einfach und er wird auch in Zukunft mit Schwierigkeiten und Stolpersteinen gerüstet sein. Darauf bin ich vorbereitet. Oder auch nicht. Ich war zweimal im Burnout und ich war sehr oft an der Grenze die Kontrolle über mein Leben zu verlieren. Aus Verzweiflung, aus Perspektivlosigkeit, aus dem Gefühl heraus nicht dazu zu gehören. Hier spielen so viele Faktoren eine Rolle, die kann ich euch gar nicht im Einzelnen aufzählen für die wissenschaftliche Verarbeitung fehlen mir die Grundlagen und so kann ich nur einige wenige mir präsente Punkte beschreiben:

 

1.) Genderation (Eigenwortkreation )

 

Ich gehöre zur sogenannten Kriegs-Enkelkinder-Generation. Der zweite Weltkrieg war bei meiner Geburt gerade einmal 21 Jahre beendet. Als Kind lag dieser Krieg und somit Nazi-Deutschland für mich sooo unendlich weit zurück. Einfach lächerlich das dieser Krieg Einfluß auf mein Leben haben soll, dachten alle und sagten: „Nazideutschland, daß sind doch nicht wir, dass waren doch unsere Großeltern“. Ja, lächerlich, wenn man bedenkt, dass die ehemalige BRD und DDR nun bald seit 30 Jahren (2019) wiedervereint sind. Merkt ihr was? Am Erbe, tragen wir alle.

Meine Kindheit ist schwarz-weiß, meine Familie bestand aus 4 alten Großtanten die „keinen Mann abbekommen haben, weil sie so … sind“ (ich habe erst Jahrzehnte später darauf kommen müssen, dass es aufgrund des Krieges gar keine Männer mehr gab). Meine Kindheit und meine ersten Lern- und Lehrabschnitte sind gekennzeichnet und geprägt von Schweigen „darüber reden wir nicht“ und von „Frauen heiraten und bekommen Kinder“. Vorbilder für selbstbestimmtes Leben von Frauen? Bis auf einen Teil meiner ledigen Großtanten (Eine Prokuristin bei Weleda (die spinnt ja), eine Weltreisende die in der Nazizeit einen schwulen Fotografen geheiratet hat (die spinnt ja)) und meiner Oma (die Zahnärztin) väterlicherseits, negativ. Und von der Leistung dieser Frauen habe ich auch erst später erfahren und würde heute so viel dafür geben mich mit diesen schon lange verstorbenen Frauen, alle geboren um die 19-Jahrhundertwende, unterhalten zu dürfen. Familiengeschichte. So wichtig. Schweigen in der Familie - wird weitergegeben über Generationen. Aber auch Verhaltensmuster. Hinschauen und bewusst verändern. Sprechen. Bitte bewußt machen und vorantreiben, oder zumindest einen Blick darauf werfen.

Ich kann sie noch fühlen, die Narbe an der Wade meines von mir innig geliebten Opas, über die meine Kinderfinger strichen, diese wulstige, rote Stelle an der ihn die Granate der Russen erwischt hatte. Sie hat mich immer fasziniert, dennoch konnte ich mir niemals vorstellen, was er tatsächlich erlebt hat und welches Leid er erleben musste. Fragen danach konnte ich noch nicht und er wollte es mir auch nicht erzählen. Er starb, als ich gerade mit meinem Studium begann. Ich denke oft an ihn und wenn die „alte Miss Marple“ im Fernsehen kommt, sitze ich da, mit kleinen Tränen in den Augen, denn Margret Rutherford mochte er besonders gerne. TUK-Kekse knabbernd, saß ich stets neben ihm und teilte seine Leidenschaft für Agatha Christie Filme. 

 

2.) Anderssein, Klappe die Erste:

Ich war immer Störer, Sprecher, Beschützer, Kämpfer, Klassenclown. Vom Kindergarten an. Es zog sich durch meine komplette Schulausbildung durch. Verzweifelt bin ich dann beim Wechsel von der Realschule auf das Wirtschaftsgymnasium. Schulsysteme die einfach nicht in der Lage sind Wissen auch an neugierige, anders lernende Menschen zu vermitteln. Ach, es kotzt mich an und es hat sich immer noch nicht verändert. Auswendig lernen, keine Fragen. Aber bitte schnell. Ich bin da raus. Schon lange. Und für immer. Eine Frage darf ich stellen? Wie soll ich den Bullshit an meinen Sohn verkaufen, der selbiges System durchlaufen muss?????

 

3.) Verzweiflung:

Ich war in einem tollen Projekt. Es hat mir unglaublich Spaß gemacht. Ja, es gab den einen oder anderen Streßfaktor, aber da hatte ich schon schlimmeres erlebt. Dann kam der Tag. Ich fühlte mich schon morgens nicht so gut. Das kannte ich aber schon und nahm das nicht so ernst. Ich arbeitete derzeit in Stuttgart mitten in der Innenstadt. Mittagspause. Ganz normal. Ich lief gerade durch ein Kaufhaus und ganz plötzlich, messerscharf und fast unerwartet aus dem Nichts, ein Trigger der mich in den Abgrund stürzte: Vor mir eine Rolltreppe, zwei Frauen, Freudinnen oder Kolleginnen, fahren die Rolltreppe nach oben und unterhalten sich freundlich lässig. Sehr lässig. Die Szene hat sich als Mahnmal auf meine Netzhaut gebrannt. Diese Szene war mein Trigger zum Ausstieg. Ich starrte auf die Rolltreppe, während sich langsam meine Augen mit Tränen fühlten. Ich versuchte mich zu sammeln, aber es war zu spät.

 

Ich sehe mich heute noch vor dem Kaufhaus stehen, die Tränen wie Sturzbäche aus meinen Augen, der Staudamm offen, kein Halten mehr. Schmerzen im Kopf. Eine hämmernde Stimme hämisch „DU gehörst hier nicht mehr dazu, DU bist nicht mehr länger Teil von diesem System. DU BIST RAUS!!“ Ich finde mein Handy und rufe meinen (damals noch nicht mit mir verheirateten) Mann an. Er erkennt sofort die Lage, verspricht mir SOFORT zu kommen, fragt mich wo ich bin.

 

Eine Frau spricht mich an, aber nicht aufgrund meines Zustandes, sondern weil sie wissen möchte wo irgendein XY-Laden ist. Sie hat einen kleinen Sohn dabei, der mich erschrocken und mit großen Augen anschaut „warum weint die Frau, Mama?“. Ich antworte stumm „die Frau wurde gerade aus ihrem Leben rauskatapultiert “. Ich beschreibe ihr schluckend und schniefend den Weg, sie reicht mir ein Taschentuch. Wortloses auseinandergehen. Markus kommt und bringt mich nach Hause. Ein schwarzes Loch.

 

Drei Monate später, geht es weiter.

 

4.) Anderssein, Klappe die Zweite:

5 Jahre später. Unternehmen, neuer Vorgesetzter. Er Alphamännchen, ich Alphaweibchen. Ende der Geschichte.

 

5.) Neuanfang: Hier und jetzt.

Ich habe vieles ausgelassen. Schließlich möchte ich weiter hier im Blog schreiben und es gibt noch so vieles, was ich mit euch teilen möchte. Heut und hier ist mir nur wichtig: Kein Weg ist einfach und auch mein Weg war mit verdammt harten und bösen Erfahrungen gepflastert. Oft stand ich mir selbst im Weg. Ich ging und gehe auch heute noch oft an meine Grenzen.

Das ist jetzt eine spontane Eingebung aber ich finde es eigentlich einen schönen Vergleich (und gaaaanz sicher gibt es schon jemanden der diese Idee auch schon hatte), die ich euch jetzt noch mitgeben möchte:

Stellt euch euer Leben als Schloß vor. Hier gibt es die unterschiedlichsten Räume und Begebenheiten. Prachtvolle Säle gibt es ebenso wie dunkle Schreckenskammern und Ecken. Ich stelle mir heute vor, wie ich durch das Schloß wandle, einem vorgeschriebenen Pfad folgend, und außer den tollen lichtdurchfluteten Sälen eben auch einmal ein dunkles Kämmerlein durchschreiten muss. Das ist halt so, um in den nächsten Saal, die Küche oder die Speisekammer mit all ihren Leckereien zu kommen. Ich habe einen kleinen Trost für euch: die Anzahl und Größe der dunklen Kammern ist in der Regel kleiner wie die Anzahl der Kammern die euch Freude bereiten. Egal wo ihr gerade seid, prägt euch die Details ein und merkt sie euch. So wird der Schreck immer kleiner, aber die Erinnerung an schönen, hellen Räume ist ebenso immer abrufbar. Genauso die Gewissheit, daß alles eine Frage der Zeit ist.

Eins ist noch wichtig: sucht euch Hilfsmittel wie Taschenlampen oder Kerzenlicht um die dunklen Kammern besser zu bewältigen. Ich glaube aber, dass man diese durchlaufen muss, um Licht und Farbe (oder wenigstens ein Käsebrot mit Zwiebeln) wieder in vollen Zügen genießen zu können.

In diesem Sinne herzlichst,
eure Gabriele, derzeit im Ballsaal

Linkliste

So und hier geht es zu den wunderbaren Interviews der beiden eigenstimmig-Frauen Julia und Sarah. Hier findet ihr viele wunderbare Interviews mit den unterschiedlichsten Frauen. Ich wünsche euch viel Spaß beim stöbern und hören.

http://eigenstimmig.de

 

Noch eine Info: Ich versuche mit diesem Beitrag auch ein neues Kommentarsystem. Ich hoffe es funktioniert gut und ihr habt keine Probleme. Sollte irgendetwas nicht klappen, könnt ihr mich gerne direkt per eMail anschreiben. Bitte nutzt mein Kontaktformular.