Einhörner, was wollt ihr hier?

Ach war das lustig heute. Oder nein, auch nicht. Eigentlich überhaupt nicht.

Kurz mit einer Kollegin, fast gleicher Jahrgang, ähnlicher Werdegang über die neue Spezies unterhalten, die anscheinend gar nicht wissen, welche Chancen und Möglichkeiten sie haben. Meine Kollegin hat heute fast dieselbe Formulierung verwendet, die auch ich vor kurzem – ich weiß gar nicht mehr in welchem Gespräch nutzte: Die jungen wissen gar nicht mehr, für was wir kämpfen mussten und woran wir scheiterten oder wuchsen, dass jeweils abwechselnd und zum Haare raufen. Hier spricht die Generation X.

Da gibt es die Generation X, die Generation Y und da gibt es zukünftig die neue Generation Einhorn eigentlich die so genannte Generation Z. Die mag es besonders gerne mit Glitzer, regenbogenfarben und mit ge-genderten Accessoires. Unterstützt werden sie dabei abwechselnd von der Generation X oder Y, in wechselnden Rollen, als Eltern oder als Großeltern oder einfach auch nur aus ihrer Peergroup. Leider stehen die Regenbogenfarben hier nicht für eine politische Meinung und leider stehen sie auch nicht für eine weltoffene und nach vorne gerichtete Gesellschaft, sondern sie stehen für eine Reduktion von weiblichen Wesen auf ihre Niedlichkeit und auf ihr Aussehen und die Jungs dürfen schon auch mal wild sein, aber bitte nicht weinen. Oder doch, ein bißchen schon.

Es ist wieder on vogue ganz besonders weiblich zu sein, ganz in der Rosa-Rolle aufzugehen und so viele Eltern machen begeistert dabei mit. Teilweise bereits mit „Mädchen“-Partys, rosafarben overloaded, bevor das Kind überhaupt geboren ist. Und dann: Ach sieht sie nicht süß aus mit ihrem rosafarbenen Tutu und ihren rosanen Ballerinas, und das Baby fast ohne Haare braucht unbedingt eine rosane Glitzerspange in den 3-4 vorhandenen dünnen Häärchen. Es könnte ja – OH MEIN GOTT – für einen Jungen gehalten werden. Es ist sooo niedlich. Nicht. Und da passt jetzt doch eigentlich ganz gut der Spruch von meiner Freundin Sabine (die Superfrau vom Bauernhof): „Einem ungeborenen Kälble kauft man keinen Strick“. Ist es nicht ein Strick, wenn ich mein Kind bevor es die Chance hatte eine Persönlichkeit zu entwickeln auf einen – nicht einmal schönen – Farbton reduziere? Egal ob rosa oder hellblau.

Mir persönlich bereitet das echte Kopfschmerzen und ich frage mich, ab wann die Eltern damit beginnen wollen ihre Prinzessinnen auf das da draußen vorzubereiten?

Nur damit wir uns nicht falsch verstehen: Wir Frauen müssen nicht in Hosen durch die Gegend laufen wie ein waschechter Kerl. Auch ich habe echt schöne Kleider im Schrank hängen, die ich gelegentlich auch ganz gerne trage. Jedoch die Selbstverständlichkeit Hosen tragen zu dürfen als Frau, die gab es nicht immer. Wußtet ihr, dass in Paris im Jahre 2013 das „Hosenverbotsgesetz“ für Frauen aufgehoben wurde? 2013! Nach diesem Gesetz aus dem Jahre 1799 war es nur Frauen mit einem Fahrrad oder einem Pferd erlaubt Hosen zu tragen. Wer jetzt glaubt ich spinne, frage bitte Google oder schau in der Linkliste am Ende des Textes.

Die Eltern. Gut ausgebildet, aber auch gerne noch Kind oder zumindest noch jugendlich erscheinend, wenn schon kein Kind mehr, dann doch bitte ein Erwachsener, der mit Kinder noch voll. Cool. Kann. Auf Augenhöhe und so. Hierarchien verschwimmen, Familien werden zu Patchworks. Untrennbare Paare trennen sich. Doch. Schnell und kompromisslos. Nächstes WE sind die Kinder übrigens bei dir?

Vielleicht benötigen wir Menschen wieder Reduktion auf das einfache? Der Prinz und die Prinzessin und so? Die Soap-Oper, die mich aus meinem stressigen Leben abholt und mitten drin platziere ich mich und mein Kind?

Welche Werte geben wir euch mit? Auf euren Wegen? Beständigkeit, Verlässlichkeit oder „In meiner Welt pupsen Ponys Schmetterlinge“?

Wir schwanken zwischen laktosefreier Milch, veganem Leben und allgemeiner Balance an grünem Fußabdruck, Vereinbarkeitsblabla und bösartig gesprochen „eitler Selbstverwirklichung“ – oder will ich doch einfach egoistisch nur Leben bis der Planet platzt?

Aber was vermitteln wir dann wirklich? Ich meine vom Herzen her? Und da wir hier eine Lücke haben, werden auch in dieser ach so aufgeklärten Welt Kinder und Jugendliche orientierungslos durch die Gegend taumeln, bspw. wenn sie entdecken das es keine Einhörner gibt oder noch viel schlimmer: Prinzessin gar kein Beruf ist und der doofe Prinz die liebliche Prinzessin mit dem Thronfolger einfach sitzen lässt. Den Schlüssel zur Schatzkammer hat er leider mitgenommen.

Auch wir werden nicht in der Lage sein das einfachste zu vermitteln. Da unterscheiden wir uns nicht von unseren in der Nachkriegszeit geprägten Eltern, die garantiert keine Experten in freiheitsorientierter Erziehung waren. Und dann kamen die 60-er und die 70-er und die Jugend fing an sich zu wehren. Ihrem Kampf und ihrem Bestreben nach Freiheit, Aufklärung und Gleichberechtigung verdanke ich alles. Aber es ist noch nicht genug gekämpft. Da muss ich nur in die Führungsetagen schauen.

Die Generation Z ist noch nicht klar umrissen, aber ich nenne sie von nun an Generation Einhorn. Als mein Sohn 2003 auf die Welt kam, gab es noch EINE Sorte an Überraschungseiern und es gab Kinderketchup – einen für alle. Aber keine Piraten-Prinzessinnen-Einhorn-Ketchup-Dumpatz-Varianten mit Glitzer. Oder war ich einfach nicht empfänglich dafür? Hatte ich bisher einen Einhorn-Seh-Fehler? Gibt es Einhorn-Blindheit? Irgendwann, vor einigen Jahren, fing es dann an, dass alles nur noch in rosa und hellblau verfügbar war.

Meine Nichte ist schwanger. Sie weiß, dass es ein Mädchen wird. Mein Sohn hat ein Buch aussortiert, da er inzwischen zu alt dafür ist. Es ist rosa und trägt den Titel die „Piratenprinzessin“. Ich legte es beiseite um es meiner Nichte zu geben (neben anderen undgegenderten Büchern). Meine Mutter (84) meinte: das ist doch nichts für sie. Da kommt das Wort „Pirat“ darin vor und das interessiert Mädchen doch nicht. Nun war das meine über 80-jährige Mutter – und mit ihr habe ich auch schon über solch ähnliche Themen heiß diskutiert. Aber ich sehe, höre und bekomme dieses Mind-Set so oft mit! Twitter, Facebook, etc. sind voll davon. Kennt ihr das Video von dem Mädchen das sich beschwert das auf Mädchen-T-Shirts nur nur steht „How cute“ und bei Jungs „Be wild“ steht? Ich suche es und verlinke es am Ende.

Erinnert eure Töchter und Söhne daran, dass Gleichberechtigung selbstverständlich sein sollte und weiter vorangetrieben werden muss. Und das vieles nicht immer schon selbstverständlich war. Das eure Urgroßmütter/ Großmütter bis 1918 dafür kämpfen mussten wählen zu dürfen. Das Frauen in Deutschland seit 1977 nicht mehr ihren Ehemann um Erlaubnis fragen müssen einen Beruf ausüben zu dürfen. Hey! Nächstes Jahr 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland! Wann und wo feiern wir das?

Und da möchte ich kurz die Erinnerung an meine Großmutter einflechten. 1900 geboren, durfte sie dann wohl mit 18 wählen. Sie hat 3 Söhne großgezogen, Zahnmedizin studiert und sich und ihre Kinder durch den Krieg jongliert. In einer Geschichte erzählte eine Verwandte, wie meine Großmutter mit einem roten Hut auf dem Kopf den Hörsaal in München betrat und alle sich nach ihr umwandten. Sie war eine starke, taffe Frau und ich wünschte mir, ich hätte mich mehr mit ihr ausgetauscht.

Gebt euren Kindern mit, dass ihnen alle Wege und Möglichkeiten offenstehen, dass man aber trotzdem an seinen Träumen und Zielen festhalten und dafür kämpfen muss. Das man für einander einstehen muss. Und erinnert sie immer wieder daran, dass keine Freiheit die man im Leben hat selbstverständlich ist und dass diese dann aber sinnvoll genutzt werden möchte, die Freiheit. Sonst geht sie nämlich ein. Die Welt und die Menschen bestehen aus vielen Farben. Nicht nur aus rosa und hellblau.

Mein Sohn: Lebe. Liebe. Nachhaltig. Bitte tu es immer mit gutem und offenen Herzen. Verbiege dich nicht. Sei offen für alles und für jeden. Immer. Finde deinen Weg. Lerne. Alles was dir gefällt und was dich interessiert. Wir unterstützen dich dabei.

Ich fange an Einhörner und den ganzen damit verbundenen Scheiß zu hassen. Einhörner, bitte verschwindet wieder und nehmt den ganzen Prinzessinen-Kram mit. Er bereitet meinen Sohn und noch viel mehr eure Töchter nicht darauf vor, was da draußen wirklich auf sie wartet. Es wird kein Spaß. Glaubt mir.

Es grüßt euch

Gabriele

Die Nicht-Vereinbarkeit

Wenn Texte nichts an ihrer Aktualität verlieren …

 Ich habe schon immer geschrieben, wenn mir was auf der Seele brannte, es aber nie veröffentlicht. Einer meiner Lieblingstexte ist mein Tagebuch, dass ich 2011 während des Aufenthaltes bei einer  Mutter-Kind-Kur geschrieben habe. In diesem Text gibt es einen fiktiv geführten Dialog zum Thema Vereinbarkeit Familie & Beruf. Mein Sohn war damals 8 Jahre alt. Ich finde der Text passt immer noch prima. Manches würde ich heute vielleicht noch drastischer schreiben. Aber lest selbst.

20.11.2011 // Mutter-Kind-Kur auf Büsum

Ich lerne eine andere Frau kennen, die mich und Sabine anspricht, als sie hört wie wir uns über unsere Jobs und unsere aktuelle Situation unterhalten. Sabine hatte ebenfalls eine Leitungsfunktion. Das Wort „hatte“ spielt auch bei Sabine eine wichtige Rolle. Die andere Frau möchte über Kinder und Karriere sprechen. Vor allem über Karriere. Ich bemerke wie groß mein Abstand zu ihr schon ist, da ich eines weiß: entweder ich habe einen Partner der mich voll und ganz in meiner Karriere unterstützt und dafür seine eigene komplett auf Eis legt (hat sie nicht), oder ich organisiere mein Umfeld entsprechend (hat sie auch nicht). Nachdem sie merkt, dass Sabine und ich zu Verzicht auf Leitungsfunktionen und weniger Arbeit tendieren, ist sie auf einmal verschwunden, als Sabine und ich uns kurz um unsere Kinder kümmern.

Ich mache mir weiter Gedanken und schreibe hier nun auf, wie sich das Gespräch möglicherweise entwickelt hätte. Wir befinden uns schon mitten in der Diskussion, ob und inwiefern Familie und Beruf zu vereinbaren sind.

Ich sage gerade: „Also vergiss deinen Bereichsleiterjob für die nächsten Jahre oder verändere dich oder dein Umfeld. Ich sehe im Moment dafür drei Varianten:

Variante 1: Verlass deinen Mann und drück ihm deine Kinder auf’s Auge. Dann zahlst du jeden Monat einen Betrag x von deinem Gehalt an deinen (Ex?)-Mann und deine Kinder. Du kannst dir dann einen jüngeren Mann suchen, der deinen beruflichen und privaten Bedürfnissen und Interessen entspricht und (noch) keinen Kinderwunsch hat (notfalls auch einen, der vielleicht auch schon an seine Ex-Familie zahlt). Versuch nicht mehr an deine Kinder zu denken (die du am Wochenende ja ab und zu weiterhin sehen kannst). Diese werden sich ebenfalls bald in einer neuen Patchwork-Familie sicherlich wohl fühlen. Dieses Variante ist von vielen Männern erprobt, vor allem dann, wenn ihre Frauen ihrer eigenen persönlichen Entwicklung (vorangetrieben durch von der Firma bezahlten Coachings und „Chaka-ich-bin-der-Beste-Schönste-Schnellste“-Trainings) hinterherhinken (da sie mehr Zeit mit „Schöner wohnen“, „Mein Chefkoch.de“ und Kindererziehung verbracht hat). Vielleicht ist das ja auch bei dir und deinem Mann bereits der Fall?

Variante 2: Du machst für die nächsten Jahre einen Job, der dich nicht erfüllt aber dafür sorgt, dass du nicht den Anschluss verlierst, da du weiterhin in deiner bisherigen Firma arbeitest. Dann kannst du wieder durchstarten. Deine jüngeren männlichen Kollegen haben dich leider zwischenzeitlich überholt. Das ist etwas deprimierend für dich, mit etwas Glück schaffst du es aber, diese Leere und Unzufriedenheit nicht mit nach Hause zu nehmen und auf deine Familie zu projizieren. Die meisten Unternehmen sind ganz gut darin, Müttern die nach der Elternzeit zurückkommen möchten, entsprechende „passende“ Stellen anzubieten.

Variante 3: Du setzt durch, dass der Bereichsleiterjob auch mit einer 4-Tage Woche machbar ist. Alles was über dich geredet wird, weil du pünktlich um 16:00 Uhr das Gebäude verlässt, perlt an dir ab, ebenso Sticheleien und blöde Bemerkungen von deinen Kollegen im Sinne von „Na? Halben Tag Urlaub heute?“. Du nimmst deine Position als das was es ist, eine Position mit viel Verantwortung und der Fähigkeit zu delegieren. Du hast kein schlechtes Gewissen, wenn deine Mitarbeiter noch arbeiten, während du bereits bei deinen Kindern bist. Du hast dir diese Position durch Kompetenz erarbeitet. Du stehst auch für Fragen abends nicht mehr telefonisch oder per Mail zur Verfügung, da dir zuhause dein Mann und deine Kinder wichtiger sind. Termine werden selbstverständlich so gelegt, dass sie für dich kein Problem darstellen. In dieser Zeit solltest du ein besonderes Augenmerk auf nachrückende, weibliche, kinderlose Konkurrentinnen werfen. Frauensolidarität wird in den oberen Führungsebenen in der Regel kleingeschrieben. Sobald sie Lücken in deiner fachlichen oder Führungs-Kompetenz entdecken, werden sie gnadenlos reingrätschen und versuchen dich auszuhebeln.

Eins noch, kommt keine der oben genannten Varianten für dich in Frage wird es vermutlich so weitergehen: Du ziehst dein Ding beruflich und privat durch. Dadurch wirst du dauerhaft und über einen längeren Zeitraum an deine Grenzen stoßen. Die Auswirkungen die es haben wird kann ich dir noch nicht sagen, möglicherweise verlässt dich dein Mann, oder deine Kinder zahlen dir vielleicht spätestens in der Pupertät alles zurück, eventuell wehrt sich aber auch dein Körper mit körperlichen oder geistigen Gebrechen gegen den Dauerstreß und setzt dich einfach für längere Zeit außer Gefecht.“

Hier endet mein Dialog. Ich bin 45, arbeite seit insgesamt 25 Jahren, davon 15 Jahre in verschiedenen Führungspositionen. Ich habe mich immer für Frauen in Führungspositionen interessiert und viele davon lange Jahre begleitet und beobachtet. Ebenso das familiäre und berufliche Umfeld in dem sie sich bewegt haben.

30.06.2017 // Nach 5 Jahren

Was ich noch ergänzen möchte:

Die Versuchung war groß diesen Text weiterzuentwickeln. Ich habe mich aber bewußt dagegen entschieden. Was ich heute anders schreiben würde ist das Thema „Unterhaltszahlung“. Bekomme ich doch von vielen mit, dass Mann sich davor einfacher drücken kann als gedacht. Insofern würde ich das mit aufnehmen.

Weiter möchte ich noch auf das Thema Entwicklung von Frauen die zuhause bleiben während die Männer Karriere machen eingehen: Ich habe tolle Frauen kennengelernt die dieses Modell fahren. Wenn sie jetzt noch so cool sind für sich zu Sorgen, falls es zur Trennung kommt (indem sie bspw. durch einen Ehevertrag entsprechende Regelungen getroffen haben), super.  Meine Akzeptanz und Toleranz gegenüber den unterschiedlichsten Lebensentwürfen ist hier viel größer geworden.

Zum Thema Mutterschutz + Rückkehr auf bisherige Positionen, Teilzeit, Homeoffice … fällt mir eigentlich gar nichts mehr ein. Es gibt immer noch zuviele Unternehmen, die dies nicht ermöglichen und Teilzeit-Karrieren ausschließen. Und dabei ist es völlig egal, was in ihren Hochglanzbroschüren erzählt wird. Ich habe so viele Geschichten erzählt bekommen, in denen Frauen unglaubliches berichtet haben, wie ihre bisherigen Jobs  an andere vergeben wurden und ihnen Angebote unterbreitet wurden, die nahelegen das eine Rückkehr nie geplant war.

Ach, wenn ich so darüber nachdenke: es gibt noch sooo viel zu bloggen. Ich habe soviel erlebt in den letzten Berufsjahren. Mit Betreuungseinrichtungen, Ganztagesbetreuung, anderen Müttern und Vätern, anderen Kolleg:inn:en, etc..  Mal schauen was mir als nächstes unter den Nägeln brennt.

Soviel für heute, es grüßt euch

Gabriele 

PS:

Eins noch: Ich habe auch viele solidarischen Frauen kennengelernt. Vorallem in den kleinen Unternehmen. Vorallem wenn sie ebenfalls Kinder hatten, vorallem wenn sie ebenfalls nicht einfach nur den kleinen Sachbearbeiter Job machen wollten, sondern was erreichen.