Die Nicht-Vereinbarkeit

Wenn Texte nichts an ihrer Aktualität verlieren …

 Ich habe schon immer geschrieben, wenn mir was auf der Seele brannte, es aber nie veröffentlicht. Einer meiner Lieblingstexte ist mein Tagebuch, dass ich 2011 während des Aufenthaltes bei einer  Mutter-Kind-Kur geschrieben habe. In diesem Text gibt es einen fiktiv geführten Dialog zum Thema Vereinbarkeit Familie & Beruf. Mein Sohn war damals 8 Jahre alt. Ich finde der Text passt immer noch prima. Manches würde ich heute vielleicht noch drastischer schreiben. Aber lest selbst.

20.11.2011 // Mutter-Kind-Kur auf Büsum

Ich lerne eine andere Frau kennen, die mich und Sabine anspricht, als sie hört wie wir uns über unsere Jobs und unsere aktuelle Situation unterhalten. Sabine hatte ebenfalls eine Leitungsfunktion. Das Wort „hatte“ spielt auch bei Sabine eine wichtige Rolle. Die andere Frau möchte über Kinder und Karriere sprechen. Vor allem über Karriere. Ich bemerke wie groß mein Abstand zu ihr schon ist, da ich eines weiß: entweder ich habe einen Partner der mich voll und ganz in meiner Karriere unterstützt und dafür seine eigene komplett auf Eis legt (hat sie nicht), oder ich organisiere mein Umfeld entsprechend (hat sie auch nicht). Nachdem sie merkt, dass Sabine und ich zu Verzicht auf Leitungsfunktionen und weniger Arbeit tendieren, ist sie auf einmal verschwunden, als Sabine und ich uns kurz um unsere Kinder kümmern.

Ich mache mir weiter Gedanken und schreibe hier nun auf, wie sich das Gespräch möglicherweise entwickelt hätte. Wir befinden uns schon mitten in der Diskussion, ob und inwiefern Familie und Beruf zu vereinbaren sind.

Ich sage gerade: „Also vergiss deinen Bereichsleiterjob für die nächsten Jahre oder verändere dich oder dein Umfeld. Ich sehe im Moment dafür drei Varianten:

Variante 1: Verlass deinen Mann und drück ihm deine Kinder auf’s Auge. Dann zahlst du jeden Monat einen Betrag x von deinem Gehalt an deinen (Ex?)-Mann und deine Kinder. Du kannst dir dann einen jüngeren Mann suchen, der deinen beruflichen und privaten Bedürfnissen und Interessen entspricht und (noch) keinen Kinderwunsch hat (notfalls auch einen, der vielleicht auch schon an seine Ex-Familie zahlt). Versuch nicht mehr an deine Kinder zu denken (die du am Wochenende ja ab und zu weiterhin sehen kannst). Diese werden sich ebenfalls bald in einer neuen Patchwork-Familie sicherlich wohl fühlen. Dieses Variante ist von vielen Männern erprobt, vor allem dann, wenn ihre Frauen ihrer eigenen persönlichen Entwicklung (vorangetrieben durch von der Firma bezahlten Coachings und „Chaka-ich-bin-der-Beste-Schönste-Schnellste“-Trainings) hinterherhinken (da sie mehr Zeit mit „Schöner wohnen“, „Mein Chefkoch.de“ und Kindererziehung verbracht hat). Vielleicht ist das ja auch bei dir und deinem Mann bereits der Fall?

Variante 2: Du machst für die nächsten Jahre einen Job, der dich nicht erfüllt aber dafür sorgt, dass du nicht den Anschluss verlierst, da du weiterhin in deiner bisherigen Firma arbeitest. Dann kannst du wieder durchstarten. Deine jüngeren männlichen Kollegen haben dich leider zwischenzeitlich überholt. Das ist etwas deprimierend für dich, mit etwas Glück schaffst du es aber, diese Leere und Unzufriedenheit nicht mit nach Hause zu nehmen und auf deine Familie zu projizieren. Die meisten Unternehmen sind ganz gut darin, Müttern die nach der Elternzeit zurückkommen möchten, entsprechende „passende“ Stellen anzubieten.

Variante 3: Du setzt durch, dass der Bereichsleiterjob auch mit einer 4-Tage Woche machbar ist. Alles was über dich geredet wird, weil du pünktlich um 16:00 Uhr das Gebäude verlässt, perlt an dir ab, ebenso Sticheleien und blöde Bemerkungen von deinen Kollegen im Sinne von „Na? Halben Tag Urlaub heute?“. Du nimmst deine Position als das was es ist, eine Position mit viel Verantwortung und der Fähigkeit zu delegieren. Du hast kein schlechtes Gewissen, wenn deine Mitarbeiter noch arbeiten, während du bereits bei deinen Kindern bist. Du hast dir diese Position durch Kompetenz erarbeitet. Du stehst auch für Fragen abends nicht mehr telefonisch oder per Mail zur Verfügung, da dir zuhause dein Mann und deine Kinder wichtiger sind. Termine werden selbstverständlich so gelegt, dass sie für dich kein Problem darstellen. In dieser Zeit solltest du ein besonderes Augenmerk auf nachrückende, weibliche, kinderlose Konkurrentinnen werfen. Frauensolidarität wird in den oberen Führungsebenen in der Regel kleingeschrieben. Sobald sie Lücken in deiner fachlichen oder Führungs-Kompetenz entdecken, werden sie gnadenlos reingrätschen und versuchen dich auszuhebeln.

Eins noch, kommt keine der oben genannten Varianten für dich in Frage wird es vermutlich so weitergehen: Du ziehst dein Ding beruflich und privat durch. Dadurch wirst du dauerhaft und über einen längeren Zeitraum an deine Grenzen stoßen. Die Auswirkungen die es haben wird kann ich dir noch nicht sagen, möglicherweise verlässt dich dein Mann, oder deine Kinder zahlen dir vielleicht spätestens in der Pupertät alles zurück, eventuell wehrt sich aber auch dein Körper mit körperlichen oder geistigen Gebrechen gegen den Dauerstreß und setzt dich einfach für längere Zeit außer Gefecht.“

Hier endet mein Dialog. Ich bin 45, arbeite seit insgesamt 25 Jahren, davon 15 Jahre in verschiedenen Führungspositionen. Ich habe mich immer für Frauen in Führungspositionen interessiert und viele davon lange Jahre begleitet und beobachtet. Ebenso das familiäre und berufliche Umfeld in dem sie sich bewegt haben.

30.06.2017 // Nach 5 Jahren

Was ich noch ergänzen möchte:

Die Versuchung war groß diesen Text weiterzuentwickeln. Ich habe mich aber bewußt dagegen entschieden. Was ich heute anders schreiben würde ist das Thema „Unterhaltszahlung“. Bekomme ich doch von vielen mit, dass Mann sich davor einfacher drücken kann als gedacht. Insofern würde ich das mit aufnehmen.

Weiter möchte ich noch auf das Thema Entwicklung von Frauen die zuhause bleiben während die Männer Karriere machen eingehen: Ich habe tolle Frauen kennengelernt die dieses Modell fahren. Wenn sie jetzt noch so cool sind für sich zu Sorgen, falls es zur Trennung kommt (indem sie bspw. durch einen Ehevertrag entsprechende Regelungen getroffen haben), super.  Meine Akzeptanz und Toleranz gegenüber den unterschiedlichsten Lebensentwürfen ist hier viel größer geworden.

Zum Thema Mutterschutz + Rückkehr auf bisherige Positionen, Teilzeit, Homeoffice … fällt mir eigentlich gar nichts mehr ein. Es gibt immer noch zuviele Unternehmen, die dies nicht ermöglichen und Teilzeit-Karrieren ausschließen. Und dabei ist es völlig egal, was in ihren Hochglanzbroschüren erzählt wird. Ich habe so viele Geschichten erzählt bekommen, in denen Frauen unglaubliches berichtet haben, wie ihre bisherigen Jobs  an andere vergeben wurden und ihnen Angebote unterbreitet wurden, die nahelegen das eine Rückkehr nie geplant war.

Ach, wenn ich so darüber nachdenke: es gibt noch sooo viel zu bloggen. Ich habe soviel erlebt in den letzten Berufsjahren. Mit Betreuungseinrichtungen, Ganztagesbetreuung, anderen Müttern und Vätern, anderen Kolleg:inn:en, etc..  Mal schauen was mir als nächstes unter den Nägeln brennt.

Soviel für heute, es grüßt euch

Gabriele 

PS:

Eins noch: Ich habe auch viele solidarischen Frauen kennengelernt. Vorallem in den kleinen Unternehmen. Vorallem wenn sie ebenfalls Kinder hatten, vorallem wenn sie ebenfalls nicht einfach nur den kleinen Sachbearbeiter Job machen wollten, sondern was erreichen.

Die eierlegende Wollmilchsau oder über den Unterschied zwischen Spezialisten und Generalisten

 Oben im Bild zu sehen: Fred. Fred kenne ich bereits seit er ein kleines Ferkel ist. Er lebt auf einem abgelegenen Hof, tief im schwäbisch-fränkischen Wald und genießt dort sein Leben. Fred ist zwar keine eierlegende Wollmilchsau, aber trotzdem ein seltenes Exemplar. Er ist viel, viel älter als die meisten anderen Schweine und gehört auch noch zu einer seltenen Rasse, deren Überleben einzig durch Enthusiasten und Individualisten ermöglicht wurde.

Solche Menschen nämlich, wie meine Freundin Sabine, die eben diesen Bauernhof – Freds Heimat –  betreibt. Einmal im Jahr, bekommt  Fred Frauenbesuch und darf sich fortpflanzen. Dann rennen irgendwann, später,  eine ganze Reihe an Ferkeln glücklich, torkelnd über die Wiese. Sie sind die Garanten für Freds Überleben und aber auch das der Wollschweine im Allgemeinen, landen doch glücklicherweise nicht alle von Freds Nachfahren im Topf.

Hätte Sabine nicht den Mut und Enthusiasmus aufgebracht, gemeinsam mit ihrem Mann diesen Hof zu führen und seltene und der Umgebung angepasste alte Haustierrassen anzusiedeln, wer weiß wie es heute Fred und Konsorten gehen würde. Aller Skepsis zu Beginn, hat Sabine zwischenzeitlich eine Menge an Bewunderern und Freunde gefunden, die ihr Konzept mittragen, befürworten und vor allem, ganz wichtig: ihre Produkte kaufen. Und diese sind vielfältig: Vom Bauernbrot, Obstbrand, selbst gemachter Marmelade oder aber eben Fleisch von artgerecht gehaltenen Tieren wie Hinterwälder Rinder, Ziegen, Schweinen, Schafen, Hühnern und Gänsen. Der Hof verfügt also über eine hohe Diversität.

Wie und wohin schlage ich jetzt die Brücke? Über das Thema Vielfalt (heute sagt man ja „Diversität“) und welch wichtige Rolle diese auch in Unternehmen spielt, habe ich schon ein kleines bißchen was geschrieben (siehe mein erster Blogeintrag). Also widme ich mich heute dem Generalisten, bzw. der „eierlegende Wollmilchsau“ wie ich mich selbst manchmal bezeichne. So wie es Fred eigentlich auch eine ist. Er ist zwar kein Garant für einen hohen Fleischertrag (zuviel Speck), hält dafür aber auch den Winter im Schwäbischen gelassen im Freien aus, ohne einen Schnupfen zu bekommen. Er hat ja ein dickes Fell. Und hier sind er und ich uns jetzt sogar ein kleines bißchen ähnlich ;-).

In all den Jahren meiner Arbeit für und rund um digitale Konzeption, Online-Marketing, Projektleitung, habe ich eine solche Menge an Wissen und Erfahrung gesammelt. Es fällt mir schwer zu sagen, wo meine Schwerpunkte liegen und welcher Bereiche mir dabei am meisten Spaß gemacht haben – und auch noch immer Spaß  machen. Diese ganzen „Mikro-Spezialisten“ die sich derzeit am Markt tummeln, sind mir teilweise suspekt. Sehe ich doch oft, wie ihnen der Blick auf das große Ganze versagt bleibt und sie aus diesem Grund auch oft nicht verstehen (können). Auf der anderen Seite fällt es mir um einiges leichter als ihnen, mich schnell und sicher in jeglichen Bereich, der mit digitaler Markenführung und Konzeption oder sonst irgendetwas zu tun hat, einzuarbeiten. Auch habe ich niemals vor der Technik die Augen verschlossen, sondern immer nochmal nachgeschaut, wie es zusammenhängt und was ich (als Nicht-Programmierer) daran verstehen kann. Egal wie komplex es war. Ich kenne so viele die hier die Augen einfach schließen und sagen „das interessiert mich nicht“. Ihnen bleibt dann aber auch der Blick verwehrt, welche Möglichkeiten bzw. Lösungsansätze es gibt.

Meine Prognose ist übrigens: Diese „Mikrospezialisten“ verschwinden genauso schnell, wie sie gekommen sind. Vor allem dann, wenn sie in ihrem Fach nicht zu den Besten gehören, sonder lediglich das von den „echten“ Spezialisten vorgekaute Wissen wiedergeben  – was ich im übrigen nach einer kurzen Einarbeitungszeit genauso gut kann wie sie. Ich als  „eierlegende Wollmilchsau“ kann mich hier entspannt zurücklehnen. Wenn das Wissen von den „Mikros“ nicht mehr benötigt wird, da sich das Internet mal wieder von oben nach unten oder von links nach rechts gedreht hat, befinde mich immer noch in meiner Welt und kann mit allen Themen die am Ende des Tages auftauchen umgehen und mich beschäftigen. Ich weiß es einzuordnen, kann es in meiner digitalen Welt positionieren und ausrichten. Die „Mikros“ mit ihrem einseitigen Wissen, sind dann aber heimat- und orientierungslos.

Also, wenn ihr für eine „eierlegende Wollmilchsau“ wie mich etwas zu tun habt: Ran an den Speck. Ich liebe es Probleme zu lösen oder in die unterschiedlichsten Themen einzutauchen. Wie schwierig sie auch sein mögen. Da halte ich es mit Fred der sich gerne und ausgiebig im Matsch suhlt und sich mit Leichtigkeit den unterschiedlichsten Lebensbedingungen anpasst. Hier ist es bei ihm wie bei mir: seinen auf „Fleisch-Ertrag“ gezüchteten und ausgerichteten Spezialisten-Kollegen bleibt dieses Glück leider versagt.

Eure Gabriele

PS: Vielleicht besuche ich morgen meine Freundin Sabine sowie Fred und all die anderen und erfreue mich an der Vielfalt die hier in dem Unternehmen „Bauernhof“ geboten wird. Die Inspiration die man hierdurch erhält, ist unbezahlbar.

Ich bin dann mal raus … ein Erfahrungsbericht

Mein aktueller Stand auf XING ist „Freelancer“. Und vermutlich wird dieser Status auch so bleiben, denn ich habe keine Lust mehr. Ich habe keine Lust mehr meine Zeit für Unternehmen zu investieren, die zwar meinen Lebenslauf superinteressant und spannend finden, aber dann nicht in der Lage sind flexibel auf mich als Bewerber einzugehen. Ich habe mich auf Jobs beworben bzw. wurden mir angeboten, teilweise mit einer Übereinstimmung von mehr als 85 % auf mein Profil. Das ich keine 35 bin, zeigte ich dabei stets offen.

Ich erwarte von Recruitern, die meinen Lebenslauf als spannend erachten, auch in der Lage sind zumindest die großen Brüche zu lesen. Wieso muss ich Scheitern oder Uneinigkeiten mit früheren Arbeitgebern in Blumen packen? „Sie haben für mich nicht nachvollziehbare Entscheidungen getroffen“. Wo liegt die Schwierigkeit nachzuvollziehen, dass man bspw. nicht weiter die finanzielle Verantwortung für ein Team übernehmen möchte, wenn man während der letzten Wirtschaftskrise knapp einer Insolvenz entgangen ist? Mein Lebenslauf ist deswegen so vielfältig und spannend, da er 25 Jahre Berufserfahrung umfasst und mutige, außergewöhnliche Wechsel und Entscheidungen beinhaltet. Das ist in „mindestens 2 Jahre Berufserfahrung“ nicht zu stemmen und es ist auch nicht mit dem Gehalt eines Einsteigers zu bezahlen (und das ist man mit 2 Jahren Berufserfahrung immer noch).

Was Unternehmen erwarten? Bitte habe auf jede Frage eine passende, möglichst angepasste Antwort parat, die mir zeigt das du auf XING den kleinen „Bewerbungsknigge“ und sonst noch was gelesen hast und smart und nun ja, eben angepasst bist. Zeige bitte auch keine Emotionen.

Warum so wenig Frauen mit Kindern diese Positionen angeboten bekommen, bzw. am Ende dann auch beziehen? Die haben nämlich schlichtweg keine Zeit sich mit „Die-10-schlimmsten-Fettnäpfchen-beim-Bewerbungsgespräch“ zu befassen. Dafür kann ich euch aber garantieren, dass sie organisatorisch Top sind und hocheffizient für dein Unternehmen arbeiten. Schließlich haben sie noch ein zweites „Unternehmen“, dass sie „nebenbei“ managen. Für Sie getestet. Im eigenen Unternehmen mit Führungspositionen und einer familienfreundlichen 4-Tage-Woche. Ach ja Info an alle Frauen die sich gerade im Bewerbungsprozess befinden: Ihr könnt mich gerne nach den Fettnäpfchen fragen. Ich habe jedes einzelne davon persönlich ausprobiert. Vielleicht schreibe ich bei Gelegenheit darüber.

Gesucht werden agile und flexible Menschen. Finde ich die, wenn ich mich mit geschliffenen Standard-Antworten zufrieden gebe? Das glaube ich nicht. Bitte mehr Mut zu Lücke! Wenn der Bewerber nicht gleich die KPIs oder die neuesten hippen Paymentsysteme aufzählen kann, fragt ihn wie er das kurzfristig herausfinden kann. Darauf kommt es doch an! Und merke: Keiner kann alles, manche können nur besser über Lücken hinwegtäuschen.

Ist man im Online-Bereich unterwegs, MUSS man sich stetig neu positionieren. Es gehört dazu sich ständig zu fragen, in welche Richtung entwickeln sich die Märkte und die Zugänge zu diesen. Und es gehört auch dazu seine Fähigkeiten dem aktuellen Wachstum und Begebenheit des Produkt-und Markenumfeldes flexibel anzupassen. Das zahlt letztendlich auch auf die Position ein, die es in eurem Unternehmen zu besetzen gilt. Selbst wenn der Bewerber die Anforderungen nicht 100% abdeckt, legt doch bitte in bißchen mehr Vertrauen in die Agilität und in die Flexibilität des Bewerbers. Vergesst die größtmögliche Übereinstimmung mit euren Anforderungen. Hier ist doch keine Bereicherung oder Veränderung zu erwarten! Diese Vorgehensweise entspricht dem tradierten Bild und Mustervorstellung eine HR Bereichs von gestern!

Und noch was! Es reicht mir OHNE ENDE. Es mag ja sein, dass mein Auftreten und vielleicht auch mein Äußeres nicht dem optimalen und optimierten und es-fallen-mir-jetzt-keine-worte-mehr-dafür-ein entspricht. Ja, ich trage nicht Größe 38 und meine Fingernägel sind nicht lackiert. Aber, ey! Ich habe über 20 Jahre Berufserfahrung, habe ein Kind großgezogen, habe mich nebenberuflich immer weitergebildet und bin farbig, kreativ, witzig und spannend – das sage ich jetzt mal ganz arrogant, den ich habe genug Langeweiler kennengelernt die ihren Job genauso erfüllen, mit Langeweile, Routine und bitte bloß nichts Neues. Wie wollt ihr denn Diversität in euer Unternehmen bekommen, wenn am Ende alle gleichen Alters und ähnlichen Typs sind. Vergesst es einfach und bitte benutzt das Wort „Vielfalt“ nicht mehr in euren ach so vielversprechenden Firmenpräsentationen.

Dann habt den Mut, neben dem smarten, austherapierten Managertyp der so nice auf alles eine Antwort parat hat (da schon unzählige Selbstoptimierungs-Trainings, -Fortbildungen mit Kammerlander, Höllerer und wie sie alle heißen) jemand ungeschliffenen, spontanen, der vielleicht auch „nicht immer seiner Seniorität entsprechend agiert“ ins Team aufzunehmen. Ich liebe diese Formulierung zwischenzeitlich, auch wenn sie mich einst sehr verletzte und ich den Autor seinerzeit da hin wünschte wo der Pfeffer wächst (wo er leider schon war und schön soll’s da außerdem auch noch sein … ). Heute fühle ich mich dadurch geadelt. Den nur durch Frauen mit Kindern in verantwortungsvollen Positionen, lernen auch die „Jungen“, dass es andere, abweichende Wege gibt.

Und sorry das ich euch das jetzt so unverblümt und frech sage: auch ihr werdet alle älter. Dies ist vor allem adressiert an alle weiblichen jungen HR-Recruiterinnen, die sich erst noch durch die gläserne Decke und das Thema Vereinbarkeit Familie und Beruf durchbeißen müssen. Ich wünsche euch viel Spaß und Erfolg bei eurer persönlichen Weiterentwicklung und beim ständigen Dauerspagat. Aber keine Panik wenn ihr an die gläserne Decke stoßt: Nach unten geht es immer.

Ach, was hättet ihr von mir profitieren können: Ihr hättet mich fragen können „wie hast den du das eigentlich gemacht?“ Und ich hätte euch von der Hoffnungslosigkeit erzählt, aber auch von der Stärke und den Willen den Frauen (oftmals auch gemeinsam) entwickeln um das ganze durchzustehen. Hier entstehen Freundschaften für’s Leben. Fragt jetzt doch bitte eure Kollegen bzw. deren Frauen, die ihren Männern auch 2017 noch den Rücken freihalten (schließlich muss der Mann doch unbedingt am Wochenende auch noch auf den Marathon trainieren, muss er doch … oder nicht?). Lehnt euch, wenn ihr selbst Kinder habt, entspannt zurück und bastelt saisonale Dekoration für euer „Schöner Wohnen“- Zuhause, bis ihr irgendwann (wenn die Kids soweit sind) zugunsten einer jüngeren verlassen werdet. Beispiele? Schaut euch in der männlichen Führungsriege eures Unternehmens um.

Laut der aktuellen OECD Studie*1 arbeiten in DE  70% der Mütter. Davon arbeiten knapp 30% in Vollzeit. Meine Vermutung ist: Schaue ich mir die 29,9% der Vollzeit berufstätigen Mütter an, arbeiten davon maximal 5% in einer leitenden Position. Das ist allerdings eine reine Vermutung meinerseits, da ich in der Studie keine Zahlen darüber gefunden habe. Eine Mutter in leitender Position in einer Vollzeitanstellung anzutreffen, ist also vermutlich genauso selten wie ein Löwenrudel bei einer Safari oder einen stinkenden Titanwurz blühen zu sehen.

Wenn eure Mitarbeiter zwar international, interkulturell bestens aufgestellt sind, (da Auslands-studium und -erfahrung) ist es doch wieder eine homogene nicht-diversive Masse, die alle anderen die diesen Backround nicht haben, ganz gerne mal ausgrenzt. Und da spreche ich jetzt mal aus Erfahrung. Wenn sich z.B. zwei Kollegen, beide deutsche Muttersprachler, auf dem Flur in Englisch unterhalten (in einem Unternehmen in dem überwiegend Deutsch gesprochen wird) ist das … nun wie soll ich sagen … gewöhnungsbedürftig bis … hmmm bescheuert. Und hier fängt Ausgrenzung an.

Was ich in meiner jahrzehntelangen Berufserfahrung gelernt habe: JEDER ist ersetzbar. IMMER und JEDERZEIT. Also fragt doch nicht vorher, ob ich für euer Unternehmen brenne, sondern sorgt ihr dafür das es so ist und das ich mich wirklich schlecht fühle, wenn es nicht gut läuft. Was für ein Quatsch vorab ein Leuchten in den Augen zu sehen. Das ist vielleicht bei Anfängern so, der Rest spielt das nur oder ihr habt wirklich ein Hammerprodukt/Dienstleistung. Meine Augen fangen an zu leuchten wenn ihr mir von flexiblen Arbeitszeiten, Homeoffice und Mitarbeitervertrauen erzählt. Witzig übrigens: Euer Leuchten in den Augen erlosch, wenn ich danach fragte. Sucht ihr eine Lampe, Schauspieler oder kompetente Mitarbeiter?

Es ist einige Jahre her, da habe ich mit einer Kollegin zwei Auszubildenden gesucht. Einen Fachinformatiker und einen Webdesigner. Wir haben uns für zwei Azubis entschieden, die von anderen Unternehmen (vermutlich) nicht in Betracht gezogen worden wären. Der Webdesigner, ein Party-It-Girl der besten Klasse. Der Gedanke an die Bilder die ich von ihm in den sozialen Netzwerken gefunden habe, amüsiert mich noch heute (… ohne weiter Details zu nennen: Netzstrumpfhosen, auffallend große trichterförmige Zigarette, umgeben von Mädels und alle mit roten-Augen-Effekt …). Der andere introvertiert, noch nichts zu Ende gebracht, bereits etwas älter. Zwischen den Zeilen konnte man aber lesen, dass er hauptsächlich Probleme hatte, da er NICHT angepasst war und auf Korrektheit bestanden hat. Beide haben ihre Ausbildung erfolgreich absolviert. Der eine mit ca. 700 Dosen Redbull, der andere mit unendlichen (zugegebenermaßen auch manchmal nervenden) Diskussionen mit Vorgesetzten, Kollegen, etc.. . Ich bin heute noch auf beide unheimlich stolz. Auf den Weg den sie gemeistert haben und das sie sich treu geblieben sind. Ich muss jetzt nicht erwähnen, dass die beiden ÜBERHAUPT nicht miteinander konnten, oder? Eben weil sie komplett verschieden waren, aber das gehört dazu und auch daran kann man wachsen.

Bewerbungsgespräche 2017 fühlen sich für mich an wie der „brave Knicks“ den sich meine 1905 geborene Großtante bei jedem Besuch von mir wünschte. Bei Bewerbungen, die eigentlich auf Augenhöhe stattfinden sollten, habe ich darauf keine Lust mehr.

Dieser Text ist einem Recruiter aus Berlin gewidmet , mit dem ich zum einen das digitalisierteste aber auch das freundlichste Gespräch hatte. Ich hatte zumindest das Gefühl das er bedauert, dass ich im Bewerbungsprozess nicht weiter gekommen bin. Und alleine die Vermittlung dieses Gefühls hat mir gut getan und mich froh gemacht, zumal er es mir persönlich, telefonisch mitgeteilt hat. Dafür ein dickes Danke! So manch anderes Unternehmen hat es nicht einmal geschafft eine persönliche Absage zu schicken, selbst wenn ein oder mehrere Gespräche vor Ort stattgefunden haben.

Liebe HR’ler. Ich bin ja jetzt selbständig und somit raus aus dem Bewerbungs-tam-tam. Wenn ihr Bedarf bei kreativer Weiterentwicklung eurer Einstellungs- oder Absageroutine habt, stehe ich euch gerne zur Verfügung. Und fangt bitte damit an, dass ihr meinen Lebenslauf nicht mehr als „superinteressant“ und „spannend“ bezeichnet. Das weiß ich selbst und ich bin auf jede einzelne Position und Tätigkeit mächtig stolz, auch wenn es manchmal nicht so gelaufen ist wie geplant. Aber auch das gehört dazu.

Es grüßt euch
Gabriele