Heul doch.

Gestern träumte ich noch vom Süden, davon wieder in lauen Sommernächten mit anderen durch die Nacht zu tanzen, heute sitze ich da, bin wütend, weiß nicht mit meiner Wut umzugehen, könnte platzen. Oder heulen. Oder beides.

Ich bin‘s. Hier schreibt ein ernster und wahrhaftiger Kollateralschaden. Nur damit ihr mal ein Gesicht dazu habt. Ich, Gabriele Kollateralschaden Schobeß, habe eine Kloß im Hals, mir ist zum Heulen und doch muss ich heute funktionieren, um die wenigen Jobs die bleiben, zufriedenstellend zu erledigen.

  1. Ich, der Kollateralschaden aus wirtschaftlicher Sicht

Ich bin wütend darüber, dass das Fähnchen der Automobilindustrie nach wie vor nach oben gehalten wird*1. Vor 20 Jahren hatte mir eine damalige Kollegin bei der Mercedes-Benz-Bank (wo ich damals arbeitete) meiner kritischen Haltung gegenüber dem Thema „Individual-Mobilität“ entgegengeschmettert „Du woischd aber scho, das du dann em falscha Ondernähma arbeideschd!“*Übersetzung siehe*2unten. Aus diesem Grund und aus anderen Gründen, zog ich meine Konsequenzen und wechselte in die Digital- und Kreativbranche. Dort gab es abwechselnd mal ganz wenig oder wenig Geld, mal etwas mehr, aber immer waren wir betroffen von Krisen, von Kunden, die keine oder nur eine geringe Notwendigkeit sahen, ins Digitalbusiness zu investieren, schleppend oder gar nicht zahlten (z.B. bei Pitch-Situationen) usw.. Wir waren betroffen davon das (unsere) Unternehmen Insolvenz anmeldeten, dass wir selbst knapp daran vorbeischrappten, das die Kunden nicht in Digitalbusiness investi … ach das hatten wir schon. Gekümmert hat das keinen, weder den Rest der Wirtschaft noch die Politik. Selbst Schuld. Seh’s doch mal so: Dafür macht dein Job wenigstens Spaß!

Währenddessen verdienten sich meine ehemaligen Kolleg:innen in der Automobilbranche weiterhin ein goldenes Näschen, bauten sich ihre Reihenhäuser, Solo-Häuser, Villen, irgendwo draußen, wo die Bauplätze günstiger waren, fuhren in ihren schicken Jahreswägen von den Wohnorten außerhalb nach Stuttgart, um dort die Straßen zu verstopfen und die Luft zu verpesten, bereisten die ganze Welt, besuchten die schönsten Hotels, ließen sich scheiden, begangen ein zweites Leben unter den besten Voraussetzungen (zumindest die männlichen Akteure dieser Geschichten, Frauen sind hier aus Gründen nicht mitgemeint).

Lief es mal nicht gut, kam garantiert eine Finanzhilfe von irgendwoher und sorgte dafür, dass um Himmels Willen die Rate des Eigenheimes oder Wohnmobiles oder sonst was weiterhin getilgt werden kann und es bloß so weitergeht wie bisher. Wo kämen wir den dahin? Wenn endlich mal eines der Unternehmen, die im Übrigen über das gleiche Wissen wie alle anderen verfügen könnten, endlich mal Verantwortung übernehmen müsste oder zumindest mal tragfähige Zukunftsstrategien entwickelt?

Wäre ich doch dort geblieben, dann würde ich heute … verblödet in einer Ecke hocken und vor mich hinweben, wie ein frustriertes Zootier, dass nicht genug Auslauf hat. Ich bin wütend. Sagte ich das schon? Da schreibt man solche Sätze.

Jetzt, da wir uns mal wieder in einer Krise befinden, komme ich als zwar zwischenzeitlich bereits Krisenerprobte mal wieder an meine Grenzen, muss schauen wie ich durchkomme, habe aber genug Resilienz entwickelt um durchzukommen, wenigstens etwas wofür so mancher Manager:in jetzt Geld ausgibt um das zu lernen, welches ich durch die ständigen ups and downs in meiner Branche beruhigt sparen kann. Jetzt wo mal wieder überall Themen zurückgestellt werden, für die ich mich ständig unbezahlt weiterbilde, digitales, lebenslanges Lernen, Transformation, „ach mach mal. Irgendwann werden wir dich wieder brauchen und vielleicht zahlen wir dann auch ordentlich dafür“.

  1. Ich, der Kollateralschaden aus Sicht der COVID-19 Politik

Habe ich schon erwähnt, dass ich mich aufgrund einer Care-Arbeit-Pflege-Situation bereits seit Oktober 2019 sozusagen in selbstauferlegter Quarantäne befinde? Zuerst der Vater gestorben ist, dann meine Mutter im März 2020 sehr krank wurde? Nun sagen wir es mal so, mein Einkommen war in der Zeit bescheiden. Ich kenne mich also schon ein Stück weit länger aus, wie viele anderen, was es bedeutet sich und seine Familie zu isolieren und mit ein bißchen arg viel weniger Geld klarzukommen. Urlaub habe ich schon lange abgeschrieben, so oft war ich bisher auch nicht in der Welt unterwegs, dass ich jetzt wahnsinnig viel vermissen würde, ich bin da sehr genügsam unterwegs (aus Gründen, siehe oben) und kann euch mit meinen 55 Jahren noch jeden einzelnen Urlaub, den ich mit meiner Familie machte aufzählen (inklusive Kurztrips in den Bayerischen Wald), mein Sohn war mit 9 das erste Mal am Meer. Unser erster gemeinsamer größerer Urlaub den wir uns leisten konnten*3.

Jetzt sitze ich hier und bin wütend darüber, dass wir bei hier steigenden Inzidenzien wohl nur ein Problem haben: Einkaufen, Haare schneiden, und bitte, bitte Urlaub. Die Tourismusbranche träumt gemeinsam mit so manchem davon, alle in den Urlaub zu schicken. Auf Mallorca ist die Inzidenz schließlich niedrig. Da kann man doch … ich könnte schreien!!!!! BTW, die schweren Fälle bei Corona-Infektionen haben das Alter von 48 erreicht. Sollte ich mich also irgendwo bei einem der wenigen Draußenaufenthalte anstecken, bin ich da drüber. Das ich mich sportlich fit halte, hat auf den Verlauf keinen Einfluß. Ich könnte also auch wieder mit Rauchen anfangen oder jeden Abend einen Flasche Wein kippen. Es wäre egal – spoiler: ich gehe trotzdem lieber in den Wald. Und geimpft werde ich … ja wann den? Für mich ist es ganz einfach: Es wird in Kauf genommen, dass Menschen wie ich sich infizieren und daran sterben. Ich bin’s euer Kollateralschaden. Habt gerne Spaß da draußen. Ich mach das gerne für euch. NICHT.

Das musste jetzt einfach raus. Danke, wenn du das hier liest hast du alles gelesen. Genug gejammert. Geht gleich wieder. Ich muss weiter. Wir sehen uns.

*1 z.B. von Frau Eisenmann heute morgen im Frühstücksfernsehen

*2 „Du weißt aber schon, dass du dann im falschen Unternehmen arbeitest.“

*3 Urlaub bedeutet für uns im übrigen, wir zahlen auch ordentlich an die, die es uns in der Ferne schön machen und verzichten bewußt auf All-inklusive-ganz-billig-mit-flug-und-bändchen-am-arm-urlaube.

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