Das Script des Lebens.

Zwei Ereignisse: eine Frau muss kurz vor Weihnachten einen Pflegeplatz für ihren Vater suchen, ein junger Mann fragt sich, wie es beim Arbeitgeber ankommt, wenn er um 2 Tage zusätzlichen Urlaub für die Betreuung seines Schulkindes anfragt. Beides berührt mich, triggert mich. Ich fühle vor allem mit der jungen Frau. Sehr.

Es ist kurz vor 21 Uhr, ich sitze am Laptop, komme gerade aus der #raketinnenGoXmas Weihnachts-Feier, und ich fange an zu formulieren, einen Text der schon lange geschrieben werden wollte, der wartete, auf diesen einen Impuls, der heute gesetzt wurde. Ein Jahr wartet er schon der Text. Geduldig.

Ich finde es gut, dass offen ausgesprochen wurde, was doch oft im verborgenen stattfindet. Offen darüber gesprochen wird, was getan werden muss. In diesem Fall: Unter vermutlich dramatischen Bedingungen durch COVID-19, einen Pflegeplatz für den Vater suchen.

Ich, ja ich, ich kann darüber schreiben, wie das ist als Frau und Mutter, Tochter. Wie man in jeder Phase denkt, jetzt, jetzt bin ich aus dem schlimmsten raus. Währenddessen das Buch deines Lebens gemächlich eine Seite weiterblättert und leise flüster: Ich habe da noch ein Kapitel für dich.

<Lebensphasen script: „Frau zu jung“> Frau potentiell schwanger, Frau schwanger, Frau mit Kindergartenkind(ern), Frau mit Schulkind(ern), <bold >Frau mit alten Eltern</bold>, Frau ohne Eltern </Lebensphasen script: „Frau zu alt“>

Das höchste Level in dem du als Frau spielen kannst, habe ich noch nicht erreicht. Ich befinde mich noch nicht in der Bonusrunde. Die kommt bei den meisten Frauen erst noch (hier bitte ein schelmisches Lächeln einfügen), nämlich dann, wenn sie mit 68 ihren Rentenbescheid in den Händen halten. Dein persönliches nächstes Level im Spiel des Lebens. Du denkst du hast den Highscore schon geknackt? Wait a moment!

Ich mach erst einmal kehrt und spreche über mein aktuelles Level in diesem Spiel. Gestern, gestern am 14.12. war ich am Grab meines Vaters und habe gemeinsam mit meiner Familie eine Kerze angezündet. Ein Jahr ist es nun her, dass er starb. 82 Jahre alt ist er geworden, der Krebs hat in aufgefressen. Zuerst langsam, dann immer schneller und mit größerem Hunger. Im August 2019 war klar, diesen Kampf wird er nicht gewinnen. Dieses Mal wird er nicht wie die vielen Male davor dem Tod von der Schippe springen.

Ich sehe ihn noch, wie er beim Onkologen auf dem Stuhl sitzt, zusammengesunken, kraftlos – der Weg in die Praxis war anstrengend. Der Arzt schiebt mir still und heimlich 2 Broschüren zu: eine für Palliativpflege und ein Infoblatt zum Thema Hospiz. Eine Chemo steht noch im Raum. Mein Vater möchte noch nicht gehen. Er will die Chemo. Ich sehe dem Arzt an was er denkt. Ich sage nichts. Der Arzt schweigt.

Ab jetzt geht es schnell. Entscheidungen müssen gefällt werden. Nein Papa, du kannst nicht mehr auf dem Sofa liegen, du brauchst jetzt ein Krankenbett. Und nein Papa, ich kann dich nicht mehr zu Chemo bringen. Ich schaffe es nicht dich die zwei Treppen runter zu begleiten. Wenn wir stürzen, wird der Sturz schwer. Und ich kann dich nicht halten. Papa, der Arzt hat gesagt Chemo ist für die Patienten, die noch aus eigener Kraft hierherkommen können. Die Haare fallen aus, schlecht ist ihm, aber essen kann er sowieso schon lange nicht mehr richtig.

Schwierig ist er als Kranker, hat sich verändert. Am meisten bekommt das meine Mutter zu spüren. Immer kleiner wird sie. Verzweifelt, auch sie weiß nicht, wie mit der Situation umgehen. Es gibt auch Streit. Ich schreite ein. Papa, so geht das nicht. Meine Mutter muss zum Arzt, der Kreislauf. Die Verzweiflung, oder beides, Erschöpfung und Verzweiflung. Eine bedrückende Kombination. Ich habe plötzlich Angst, sie noch vor meinem Vater zu verlieren.

Pflegestufen müssen beantragt werden. Der Palliativdienst ist schnell im Haus. Ich telefoniere mit den Hospizen. Nein, es ist kein Platz frei. Natürlich nicht. So richtig wollen wir das auch nicht, ihn in einem Hospiz unterbringen. Auf der anderen Seite, wer hat schon Erfahrung mit Pflege? Wer weiß denn, wie man einen Erwachsenen auf die Seite legt, wickelt, umlegt wegen der offenen Stellen? Nachts schleiche ich mich mit einer Nachbarin in die Wohnung meiner Eltern und wir beide legen meinen Vater auf die andere Seite. Im Nachbarzimmer schläft meine Mutter. Ich mach was mit Medien. Nicht mit Menschen. Jetzt, jetzt ein Jahr später, weiß ich wie es funktioniert.

Die Rollen wechseln. Du bist Kind, Tochter, Familienoberhaupt. Plötzlich. Fällst Entscheidungen für deine Eltern. Am Anfang zaghaft, vorsichtig, dann bestimmt und mit Nachdruck: Nein, Papa, die Chemo ist abgeschlossen. Der Arzt sagt, sie bringt nichts mehr. Du schaffst es auch nicht mehr allein hin, erinnerst du dich?

Jeden Tag kommen jetzt 2 x Palliativpflegende. Morgens und abends. Sie erneuern den Beutel mit der Nahrung, die er zwischenzeitlich über einen Schlauch zugeführt bekommt. Am Anfang macht er noch Scherze, schäkert mit den Damen. Ich bekomme den Auftrag ihm seinen Computer ans Krankenbett zu stellen. Doch irgendwas ist passiert. Er weiß nicht mehr wie es funktioniert und so werde ich zu seinem verlängerten Arm und schreibe noch ein paar Dinge auf, die er uns sagen möchte, die ihm wichtig sind. Ihm wichtig, uns unwichtig. Ein Gemsengeweih im Regal, Briefe des Urgroßvaters in der unteren Schreibtischschublade.

Es ist September, Oktober, November. Ich verlasse das Haus so gut wie gar nicht mehr. Meine eigenen Jobs als Projektleiterin werden drastisch reduziert und zurückgestellt. Der November 2019 ist der Pflegemonat. Ich weiß noch nicht, dass mein Verdienst im November 2019 ausschlaggebend sein wird für eine Kalkulation in 2020. Niemand weiß das, ich weiß.

Es waren ruhige und behutsame Tage die wir hier führten. Wir machten es ihm schön, seinen Tod. Kerzen, eine Duftlampe, alle da. Waren bis zum Schluß bei ihm. Meine Mutter trank am Nebentisch ihren Kaffee, als er am 14.12. morgens um 7:00 Uhr für immer einschlief.

Der Tod und ich haben seitdem eine Beziehung. Eine zaghafte und vorsichtige, ich habe ihn ein wenig kennengelernt. In etwa so, wie ein interessanter Mensch am Nebentisch, dem du beim Reden heimlich zugehört hast, der dich faszinierte. Du weißt nicht, wann und wo du ihm wieder begegnen wirst. Aber das es passiert, dass weißt du. Sicher.

Das Pflegebett verließ das Haus. Es kam der Januar, die Beerdigung, der Februar, es gab Dinge zu regeln zu verändern im Haus. Ende Februar, wurde meine Mutter krank. Sehr krank. Ich erinnere mich: ich kam Freitags von einem Termin zurück, kurz vor meinem Geburtstag, sie lag mit hohem Fieber im Bett, ich rief den Notarzt.

Irgendwas „ähnlich wie eine Lungenentzündung“ wurde diagnostiziert. Hohes Fieber, trockener Husten, im Krankenhaus wurde ihr eine Beatmungsmaske aufgesetzt. Ich hatte Angst um sie. Zwei Wochen blieb sie dort. Fasching bei uns im Süden, Karneval in Heinsberg.

Lockdown. Meine Mutter kurzatmig. Lockdown Lockerung. Wir machen Urlaub im Bayerischen Wald, so wie sie in jedes Jahr mit meinem Vater machte, dass Zimmer war bereits gebucht. Das brachte die Wende und danach ging es ihr besser. Sie ist für ihre 86 Jahre superfit und ich bin sehr stolz auf sie, wie sie ihr Leben ohne meinen Vater meistert. Ich helfe ihr dabei so gut es geht und eins ist klar: Wenn es ihr schlecht geht werde ich auch für sie da sein.

<Lebensphasen script: „Frau zu jung“> Frau potentiell schwanger, Frau schwanger, Frau mit Kindergartenkind(ern), Frau mit Schulkind(ern), Frau mit alten Eltern, Frau ohne Eltern </Lebensphasen script: „Frau zu alt“>

Dies hier war das Kapitel: Frau mit alten Eltern. Ihr seht, ich befinde mich im letzten Drittel dieses Buches. Es ist kein einfaches Kapitel und die Sichtbarkeit dieses Kapitels ist mit den Hashtags #unbezahlteCarearbeit #carearbeit #pflegendeAngehörige versehen, ein Kapitel das unterschätzt wird.

Ein Kapitel auf das einen niemand vorbereitet. Niemand. Der Gleichklang anderer Lebensphasen, findet hier nicht statt. Andere sind noch nicht so weit, oder schon darüber.

Du bist schon fast soweit, dass du dir einen dieser Elternabend zurückwünscht, einfach nur um dich mit anderen im Anschluß danach kurz 5 Minuten über deine Situation auszutauschen. Aber auch nur fast. Denn eigentlich bist du zu erschöpft dafür.

5 Kommentare bei „Das Script des Lebens.“

  1. Danke für den Text. Er macht Leistung auf einer vollständigeren Ebene sichtbar. Beruf ist das eine, das wir leisten. Aber da ist so viel mehr.

    1. Vielen Dank, für deinen Kommentar. So ist es. Ich habe unendlich lange gebraucht, bis ich das verstanden habe.
      Viele Grüße, Gabriele

  2. Danke, liebe Gabi! Sehr bewegend und wichtig!!
    Carearbeit ist ein gutes Wort inzwischen, ich merke an deinem Text nun, aber: zu wenig… so viel mehr steckt dahinter, was wir leisten, wie wir (mit)helfen, (mit)leiden… und ’nebenher‘. Gerade jetzt wieder, wo die Kinder zuhause sind und keiner fragt, aufschreit. Warum wieder kein homeschooling in B-W sondern ‚Ferien’…. usw.
    Danke, dass du dazu was geschrieben, dich geöffnet hast!

  3. Liebe Gabriele,
    ich danke dir sehr für diesen Text, der mich sehr berührt hat. Und für deine Offenheit.

    Deine Situation vor einem Jahr geht mir nahe. Ich beschäftige mich schon eine Weile mit den Gedanken, was kommt wenn…
    Und bin traurig, dass die jetzige Situation einen Besuch nicht möglich macht. Auch deswegen hoffe ich, dass die Entspannung dieser Situation schneller kommt als befürchtet, damit noch gemeinsame Zeit da ist.

    Ganz liebe Grüße
    Sabine

    1. Liebe Sabine,

      danke für’s lesen und für deinen Kommentar. Ich wünsche dir auch, dass ihr noch gemeinsame Zeit habt und dass es die Möglichkeit für einen Besuch gibt. Alles Gute für dich und deine Familie.
      Viele Grüße
      Gabriele

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